Rückverlagerung operativer Funktionen vom Ausland nach Deutschland: Ein Beispiel aus der Logistik

Im Rahmen der Globalisierungsaktivitäten deutscher Unternehmen war das Thema Verlagerung bisher durch eine Richtung geprägt: Standort Deutschland ins Ausland. In letzter Zeit gibt es jedoch vermehrt Beispiele für Rückverlagerungen aus dem Ausland nach Deutschland. Gründe hierfür sind u.a. neue Zollschranken ("Trump-Effekt"), Kostensteigerungen an Auslandsstandorten oder auch Marktverschiebungen. Eine Rückverlagerung ist jedoch mitunter eine komplexe Aufgabe, haben sich im Ausland doch an den Standort angepasste Prozesse, Strukturen und Hilfsmittel etabliert.

Am Beispiel der Re-Integration eines im Ausland durch einen Dienstleister betriebenen Lagers nach Deutschland werden im Folgenden einige der Punkte aufgezeigt, die behandelt werden müssen. Im vorliegenden Fall ging es um ein Unternehmen, dass im Ausland ein Lager mit Verkauf in Gestalt eines rechtlich eigenen ausländischen Unternehmens betreibt.

Der Kunde hat Überlegungen zur Kostenentwicklung am ausländischen Standort den Notwendigkeiten einer Marktversorgung aus einem landeseigenen Lager gegenübergestellt. Weiterhin spielten Risikoabschätzungen, Wachstumsszenarien und strategische Gesichtspunkte eine Rolle, und so wurde die Entscheidung zur Rückverlagerung getroffen.

Ein wesentlicher Punkt, der schon bei der Entscheidung für oder gegen eine Rückverlagerung beachtet werden muss, ist die vertragsrechtliche Situation. Kündigungsfristen, die sich aus den existierenden Verträgen ergeben, sind natürlich bedeutsam, aber auch die Berücksichtigung landesspezifischer Gegebenheiten (z.B. Regelungen zur Existenzsicherung, einer möglichen Übernahme von Sozialkosten etc.). Hier sollte auf alle Fälle eine Rechtsberatung, die mit den landesspezifischen Gegebenheiten vertraut ist, eingeschaltet werden.

Eine weitere Frage muss grundsätzlich vor der Entscheidung geklärt werden, da damit weitreichende Konsequenzen verbunden sind: Sollen die im Ausland gelagerten Teile in den Besitz des Zentrallagers übergehen? Im vorliegenden Fall "gehörten" die Teile der Auslandstochter. Eine Rückverlagerung zieht dann möglicherweise einen Verkauf der Teile mit sich – mit allen Fragen der Bewertung. Um die Frage beantworten zu können, muss aber zunächst ein Konzept entwickelt werden, wie der Zugriff der Auslandstochter auf die Teile in Zukunft aussehen soll. Gehören die Teile auch weiterhin der Auslandstochter und diese kann frei darüber verfügen, auch frei planen – und entsprechend frei einkaufen? Das Zentrallager arbeitet dann als Dienstleister und wickelt die Bestellungen "gegen Gebühr" ab. Oder gehen die Teile in den Besitz der Zentrale über und die Auslandstochter reicht die Kundenbestellung dorthin weiter? Gründe für das eine oder andere Konzept sind vielfältig, ebenso wie die Auswirkungen auf Prozessabwicklung, Abrechnung, Buchung und auch Layout.

Bei einer Eigentumsübertragung der bisher im Ausland geführten Teile ins Zentrallager muss beispielsweise die Frage der Bewertung geklärt werden. Zu welchem Preis werden die Teile "zurückverkauft"? Diese Frage konnte im vorliegenden Fall nicht zufriedenstellend geklärt werden – zu unterschiedlich war die Lagerdauer und somit der Zeitwert gleicher Teile.  Entschieden wurde daher, dass die Teile im Besitz der Auslandstochter bleiben. Das bedeutet dann aber auch, dass die Teile im Lager getrennt geführt werden müssen, um Verwechslungen zu vermeiden – was zu nicht unerheblichen Anforderungen an die Umgestaltung des Lagerlayouts geführt hat und entsprechende Qualifizierungen des Lagerpersonals zur Folge hatte.

Um zu einem tragfähigen Gesamtkonzept zu kommen, wurden alle Abwicklungsprozesse genau aufgezeigt und dargestellt. Dazu gehören natürlich die Prozesskette Customer Order-to-Cash, aber auch die Kette Purchase-to-Pay. Alle logistischen und materialfluss-technischen Prozesse müssen mit aufgezeigt werden, ebenso wie begleitende Prozesse (z.B. Einkaufsprozesse, Qualitätsprüfung, Umsatzsteuermeldungen, IntraStat-Anzeigen, Beauftragung und Abrechnung der Versender etc.). Zu berücksichtigen ist auch die Abwicklung der Prozesse im IT-System.

Im vorliegenden Fall wurden insgesamt 8 verschiedene Hauptprozesse ermittelt und detailliert dokumentiert, hinterlegt mit Mengengerüsten für die einzelnen Prozesse. Anschließend wurden verschieden Konzeptvarianten entwickelt, wie denn die Prozesse in Zukunft geführt werden könnten. Für jede Variante wurde ermittelt, welche Auswirkungen damit verbunden sind und wie eine Umsetzung erfolgen kann.

Nach einer Bewertung wurde schließlich ein umsetzungsfähiges Konzept entschieden. Die Teile bleiben im Besitz der ausländischen Tochter. Das Zentrallager arbeitet als Dienstleister und wickelt die Bestellungen aus dem Ausland gegen Gebührt ab. Für die Gestaltung der IT-Unterstützung kam dann im Übrigen die SAP-technische Lösung eines "Plant Abroad", also einer Fertigung im Ausland zum Tragen.

Die einfach erscheinende Aufgabe der Rückverlagerung erweist sich immer wieder als komplexes Thema, dessen Auswirkungen oftmals unterschätzt werden. Genau wie bei einer Verlagerung ins Ausland muss daher auch bei einer "Rückholung" systematisch und ganzheitlich vorbereitet werden. Die Anforderungen sind bei einer Rückholung vergleichbar denen einer Verlagerung ins Ausland. Es wird ja ein laufendes Geschäft zurückverlagert (und nicht auf- und ausgebaut), und der Kunde darf keine Auswirkungen spüren. Das stellt insbesondere beim Hochlauf eine Herausforderung dar und erfordert eine genaue Planung mit einem stringenten Projektmanagement.

von Dr. Thomas Klevers, Geschäftsführer, und Dr. Thomas Orten, Senior Consultant, GEPRO mbH


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